| „Was ist ein Philosoph?“
Antwort: „Ein Philosoph ist ein Mann, der bei dunkler Nacht eine Katze zu
fangen sucht, die es gar nicht gibt.“
Und in gesteigerter Übertragung: |
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| „Was ist ein Theologe?“ Antwort: „Ein Theologe ist ein Mann, der bei dunkler Nacht eine Katze zu fangen sucht, die es gar nicht gibt. Und der behauptet, er habe sie schon gefangen.“ (Eike Christian Hirsch) | ![]() |
| In seinem im Titel benannten Vortrag im Evangelischen Gymnasium hat Karl Ernst Nipkow u.a. mit Emphase auf Grundfragen des Religionsunterrichts (RU) verwiesen, die sich um die Gottesfrage selbst konzentrieren und aus seinem Blickwinkel für die heutigen Kinder und Jugendlichen von entscheidender Bedeutung seien. Nachfolgend möchte ich dieser Frage als Anfrage an den Religionsunterricht etwas nachgehen. Ist „Gott“ das Schlüsselthema des RU, mit dem eine veränderte Schülerschaft wieder für die „Sache“ zu gewinnen ist? Diese Herausstellung ist nicht gleichbedeutend mit einer Abwertung der anderen konsitutierenden Inhalte eines konfessionellen RU. Auch Nipkow berührt die Fragen von Kreuz und Auferstehung in ihrer für das Christentum wesenhaften Bedeutung. Dieser Beitrag beschränkt sich also auf die besondere didaktische Eignung der Frage nach Gott unter Zurückstellung alternativ ebenfalls sinnvoller Inhaltsentscheidungen. |
| Nipkow behauptet, dass der RU auf einzelne Aspekte bei
der Behandlung der Gottesfrage eingehen muss (!), um die Denk- und
Lebenswelt der Jugendlichen nicht zu verfehlen:
Wo ist Gott in persönlichen Lebenskrisen? Lässt Gott sich beweisen oder erfahren? Ist Gott vielleicht nur eine Fiktion, wie es der neuzeitliche Atheismus behauptet? Wie ist ein gütiger, allmächtiger Gott zu denken und zu glauben angesichts des Leids in der Welt? Wie verhalten sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts und der Glaube an Gott zueinander? |
I. |
Rahmenbedingungen |
| 1. Schülerinnen und Schüler im RU: „Ich glaube, was ich will.“ |
Christentum und Kirchen verlieren in ihrer überlieferten Verfasstheit an gesellschaftlichem Einfluss, erkennbar an verringertem Brauchtum und nachlassender sprachlicher Präsens in der gesellschaftlichen Realität. Kritik an der Institution Kirche, respektive der von ihr vertretenen, zwangsläufig Freiheiten beschränkenden Wertorientierungen, sind Reflex gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, die für die Lebenswelt der Heranwachsenden prägend sind. Die Mehrzahl der SchülerInnen vertritt den Studien zufolge allerdings auch mit zunehmendem Alter keine atheistische Position, der Glaube an Gott oder ein äquivalenter Glaubensersatz
treten nach wie vor als ein in seelischen Tiefenschichten wurzelndes inneres
Bedürfnis in Erscheinung. Bei der Suche nach Sinn und in Glaubenskrisen werden
jedoch mitunter andere Weltanschauungen und religiöse Vorstellungen wie
Reinkarnation, Panentheismus, okkultistische Theorien etc. patchwork-artig in
das primär privatisierte Gottesbild integriert. Kirche als communio, als
Gemeinschaft der Gläubigen, hat ihre Anziehungskraft teilweise eingebüßt.Während das im Gegensatz zu
kirchenkritischen Headlines in der Öffentlichkeit nicht mehr entsprechend
wahrgenommene soziale bzw. caritative Engagement der Kirchen in Krankenhäusern,
Pflegeeinrichtungen, Kindergärten u.ä. nach wie vor geschätzt wird, hat sich in
der heranwachsenden Generation eine Hierarchie der individuellen Werte
etabliert - Friede, Freiheit, innere Harmonie -, die zwar als säkularisiert
gelten, aber durchaus im Schnittmengenbereich mit christlichen Maßstäben einzufassen sind.
| 2. Der Religionslehrer – eine „persona mixta“ |
Transzendenzvermittler – in einer Zeit, in der sich viele Menschen auf das Sichtbare,
Messbare, Beweisbare berufen und diese Grenzbestimmungen nur widerständig
überschreiten wollen
| 3. Inhalte des RU – zwischen Obligatorik und Schülerfragen |
Die seit 1999 für alle Fächer der gymnasialen Oberstufe neu
eingeführten Richtlinien und Lehrpläne haben neben der inhaltlichen und der
stark aufgewerteten Methodenorientierung im evangelischen und katholischen
Religionsunterricht noch ein besonderes Merkmal. Es geht um den Versuch, die
unverzichtbaren Unterrichtsgegenstände aus den Bereichen „Gottesfrage, Ekklesiologie, Ethik, Anthropologie, Christologie, Eschatologie“ aus ihrer theologischen Traktatbildung zu lösen und sie noch akzentuierter auf Lebenswelt und Interessenlagen der SchülerInnen abzustimmen. Nicht die theologische Disziplin in ihrer jeweiligen Systematik diktiert allein die auszuwählenden Sachverhalte, sondern ebenso die thematischen Bedürfnisse der Lernenden. So entsteht die Möglichkeit, ein konkretes Unterrichtsthema je nach Bedarf durch einen früher nur einem Kurshalbjahr zugeordneten Themenschwerpunkt zu erweitern, zu ergänzen oder in eine neue Blickrichtung zu bringen.
Die Gottesfrage bleibt also nicht für den „Gotteskurs“ reserviert, zudem
lassen sich bis dato eher monolithisch verstandene Themenblöcke wie z.B. die Religionskritik (Feuerbach, Marx, Nietzsche, Freud, Sartre) noch sinnvoller und nach gezielt bestimmtem Bedarf in einzelnen Kurshalbjahren im Zuge der Lernprogression einbringen. In methodischer Hinsicht sollen die SchülerInnen Kompetenzen zum eigenständigen Umgang mit biblischen, philosophischen sowie theologischen Emil Nolde: Der große Gärtner – Gott ist Natur Texten erwerben. Auch theologisch bzw. anthropologisch bedeutsame Kunstwerke oder musikalische Werke sollen mit Hilfe selbstständig handhabbarer Methoden erschlossen werden können, wobei die notwendigen Voraussetzungen eines wissenschaftspropädeutischen Arbeitens bereits im Religionsunterricht der Sekundarstufe I gelegt werden sollen.
| 4. Didaktische Konsequenzen für den RU |
II. |
Innenansichten – Die Gottesfrage in Unterrichtszusammenhängen |
| Wie lässt sich die Frage nach Gott nun im Unterricht angehen? Zwei der von Nipkow gestellten Teilfragen sollen im Rückblick auf „tatsächliche Ereignisse“ etwas näher beleuchtet werden. Ziel ist es, gedankliche Grundzüge und somit andeutungsweise Möglichkeiten sichtbar zu machen, wie der RU auf die beiden ausgewählten Aspekte der von Nipkow bevorzugten Frage nach Gott reagieren kann. Die Vernachlässigung anderer Gesichtspunkte, die er ebenfalls nennt und die Richtlinien einfordern, ergibt sich ausschließlich aus der Pflicht zur Beschränkung an dieser Stelle. |
| 1. Mit Phantasie der religiösen Biographie nachspüren – auf der Suche nach Gott |
| 2. Auf Gott wetten, ihn beweisen oder ihn leugnen?. |
können. Vereinfacht: „Menschen sind sterblich“, „Sokrates ist ein Mensch“, „also ist Sokrates sterblich“. Logische Schlussregeln stoßen bei den Schülerinnen nach vorliegenden Erfahrungen durchaus auf Zustimmung, das klingt wieder nach mathematischer Beweisbarkeit und Überprüfbarkeit, vermag vordergründig an religiösen Klischees zu rütteln. Das, was Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin mit dem Syllogismus anstellen, hat allerdings irgendwo wieder einen Haken. Anselms Argument, dass ein tatsächliches Existieren Gottes mehr sei als ein nur gedachtes, ruft als
logische Quintessenz eher Kopfschütteln hervor. Das Problem liegt darin, dass
hier die Existenz Gottes stillschweigend vorausgesetzt wird. Entscheidend ist
für mich allerdings die Fragestellung: „Was ist das eigentlich, was sich hinter
dem Begriff Gott verbirgt! In unserer Wirklichkeit existiert etwas, das selbst
ein Atheist mit seiner ablehnenden Aussage in seiner Sinnhaftigkeit unbewusst
akzeptiert. Vielleicht klappt es ja besser mit den „quinque viae“, den fünf
Wegen, auf denen Thomas sich der Existenz Gottes nähert. Es muss doch einfach
eine erste Ursache des Seins geben, warum bewegt sich alles im Kosmos, woher
kommt die Zweckhaftigkeit der Natur? Naturwissenschaftliche Einwände lassen im
Kurs nicht lange auf sich warten. Wenn Gott die Erstursache des Alls ist, woher
kommt er dann selbst? Chaosforschung und Evolutionstheorie zeigen, dass Natur
und Leben nicht nur aus wohl proportionierter Ordnung bestehen, sondern Zufall,
Irrwege und Unordnung das mitbestimmen, was wir als Welt bezeichnen. Der Religionslehrer
als Grenzgänger, zudem erlauben die neuen Richtlinien nochmals und
intensivierend das Verhältnis von Glauben und Wissen aufzugreifen. Das werde
ich auf jeden Fall im Anschluss an Gottesbeweise und Religionskritik tun. In philosophisch interessierten Kursen könnte auch Wittgensteins Appell im „tractatus logicus philosophicus“
bezüglich metaphysischer Aussagen Thema sein: „Worüber man nicht sprechen kann,
darüber soll man schweigen. Agnostizismus, die Auffassung von der
Unerkennbarkeit Gottes, entspricht in seiner entlastenden intellektuellen
Neutralität sicherlich der Geisteshaltung vieler Zeitgenossen. Bei den
Gottesbeweisen darf Kants Argument aber nicht fehlen. Der Mensch ist ein von
Natur aus mit Moralität ausgestattetes Wesen, die auf einen nicht weltlichen
Verursacher verweist. Ohne den Glauben an einen solchen Initiator wäre es
sinnlos, überhaupt von Moralität zu sprechen. Wenn am Ende des individuellen
Lebens niemand da wäre, der die moralischen Qualitäten abschließend beurteilt,
müsste sich niemand mehr an ethische Grundsätze halten. Nun ist das
Weltgeschehen, so die Kritik eines Schülers, nicht gerade von ethischen
Eckdaten bestimmt, hinzu kommt, dass moralisches Handeln auch innerweltlich
etwa in der Diskursethik begründet werden kann. Nicht ohne Wirkung auf Schüler
bleibt allerdings die exemplarisch vereinfachende Konsequenz, ob es nämlich
keinen Unterschied macht, ob Hitler oder Mutter Theresa sterben?
Nipkow fordert mit Nachdruck die Auseinandersetzung mit dem neuzeitlichen Atheismus. Gott als eine Projektion menschlicher Unzulänglichkeit, als Positivspiegelung der leidigen Defizite. Nach Feuerbach
sind Unsterblichkeit, Allmacht, Allwissen, Allgüte u.a.m. unerfüllbare Wünsche
menschlicher Existenz, die dann in der Summe ein überirdisches Wesen schaffen,
das der Mensch in der ihn bedrückenden Unvollkommenheit verehrt. Marx benötigt
die Projektionsthese, um die narkotisierende, das revolutionäre Potential einer
Gesellschaft lähmende Wirkung der Religion anzuprangern. Und auch Freud sieht
Gott als eine Projektion, als eine kindliche Illusion, Ausdruck des infantilen
Wunsches nach einem schützenden Übervater. Ich muss die Projektionsthese
erläutern, doch wann und in welchem Umfang? Früher war sie dem ’Gotteskurs’ und
der Jahrgangsstufe 13 vorbehalten. Jetzt kann ihre Thematisierung vorgezogen
werden. Die Frage, ob es überhaupt Gott gibt, gehört in Anlehnung an die
didaktischen Konsequenzen zumindest an einer Stelle an den Anfang des RU in der
Oberstufe. Die Schülerinnen müssen auf jeden Fall den Projektionsgedanken verstehen. Mit der Funktionsweise eines Diaprojektors werde ich beginnen. Sie kann von physikalisch Interessierten erläutert werden. Das physikalische Geschehen kann auf das psychische übertragen werden. Natürlich hat Feuerbach Recht, wir können uns nicht
verständigen, ohne mit sprachlichen Bildern Bewusstseininhalte zu füllen. Jeder
projiziert, auch der Gläubige. Die Schülerinnen müssen dann aber auch das
entscheidende Gegenargument erfassen, denn die richtige Behauptung menschlicher
Projektionstätigkeit sagt nichts darüber aus, ob außerhalb des
Projektionsbereiches nicht noch etwas Anderes existieren kann. Gottes
Nichtexistenz ist mit dieser These in den unterschiedlichen Nuancierungen
demzufolge nicht zu beweisen. Diese Einsicht könnte sehr beruhigend wirken, später Freiräume für eine Glaubensentscheidung entstehen lassen. Schonungsloses und radikales Fragen kann an diesem Weg weisenden Beispiel Selbstverständnis und Anspruch des Kurses
verdeutlichen. Die Ratio muss nicht ausgeklammert werden, kritische und
vermeintlich unangenehme Fragen werden nicht tabuisiert. Der Illusionsvorwurf
Freuds, so ein weiterer Blick in die Zukunft, könnte mit dem Bilderverbot des
Ersten Testaments (Ex 20,2-6) konfrontiert werden. Nicht Projektion, nicht
Vorstellungen von Gott werden hier verboten, sondern Kultbilder, die der
Forderung nach Alleinverehrung widersprechen. Auf diese Weise könnten
grundlegende Aspekte des Gottesbildes des AT erhellt werden. Im Ersten
Testament handelt es sich um im Glaubensgeschehen verdichtete Erzählungen von
Menschen, die Gott in ihrer Geschichte, in ihren Lebenszusammenhängen erfahren
haben. Diese Erfahrungen müssen wieder sprechen, sie müssen in der Gegenwart
die Jugendlichen an-sprechen. Ich denke an Ingo Baldermann, er fordert wie Nipkow die Konfrontation mit diesen sprechenden Texten. Kinder und Jugendliche werden diese in ihrer Wirklichkeit als zutreffend, als für sie bedeutsam, als nützlich und hilfreich verstehen können. Wir Heutige können die Probleme, die die Menschen damals auch schon hatten, ebenso aus einer gläubigen Beziehung zu Gott heraus angehen. Durch den adressatengerechten Umgang mit biblischen Texten im RU muss sichtbar werden, dass prophetische und psalmistische Rede, Hymnen und Lebensgeschichten Beziehungen zwischen Gott und Mensch lebendig werden.
| 3. Zerschnittenes Betttuch oder Ehekrise? – Zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie |
„Ein Mann geht bei stockfinsterer Nacht die Dorfstraße entlang. Unter der einzigen Laterne sieht er einen anderen Mann jeden Quadratzentimeter absuchen. Was machen Sie denn da?“ fragt er. „Ich suche meinen Hausschlüssel“, antwortet der andere. „Sind Sie denn sicher, dass Sie ihn hier verloren haben?“ – „Nein,
überhaupt nicht, aber hier kann ich wenigstens etwas sehen.“
(Eike Chrisian Hirsch)
In Fortsetzung der „Katzensymbolik“ handelt es sich hier um einen Versuch, den Naturwissenschaftler ebenfalls ironisierend in seiner Arbeitsweise zu charakterisieren. Er hat die Katze bzw. den Hausschlüssel tatsächlich gefunden und kann das auch beweisen. Man muss ihm aber in den Lichtkegel folgen und darf diesen auch nicht verlassen. Kritik ist offenkundig: Der Schlüssel zum wissenschaftlichen Verstehen der Welt ist nach eigener Definition nur in dem Bereich des Menschen zu finden, in dem er etwas sehen kann. Um auf der symbolischen Ebene zu bleiben: Der Naturwissenschaftler lässt die Frage nicht zu, woher die Katze eigentlich gekommen ist. Ihre Existenz beginnt mit dem Eintritt in den Lichtkegel. Danach kann sie als Lebewesen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln untersucht werden. Das besonders seit der Aufklärungbelastete Verhältnis zwischen Naturwissenschaft und Theologie ist neu zu bestimmen. Und in dieser Hinsicht hat Nipkow im Hinblick auf die Gottesfrage zweifelsohne Recht. Jugendliche, die in den naturwissenschaftlichen Fächern gezielt mit analytischen Aussagen über Welt und Mensch konfrontiert werden, müssen diese Erkenntnisse verarbeiten,
mit metaphysischen (= über die physikalisch beschreibbare Wirklichkeit
hinausgehenden) Fragen in Verbindung bringen können. Ein erster wesentlicher
Schritt ist es, ihnen klar zu machen, dass der Lichtkegel, der
sogenannte harte Kern der Naturwissenschaft, als solcher nicht zur
Debatte steht. Der Naturwissenschaftler kann in seinem Wissensdrang den Lichtkegel unbesorgt vergrößern und sich darin auch wohlfühlen. Interessant für den Glauben ist die dunkle Nacht und die Überzeugung, dass in dieser doch etwas zu finden ist.



Für die Katze unter der Laterne, dem gelb leuchtenden harten Kern der
Naturwissenschaft, gilt der Grundsatz des Nebeneinanders von Glauben und
Wissen. Der Glaube an einen Gott kann weder mit den klassischen
Gottesbeweisen gerechtfertigt werden, noch vermag der Atheismus ihn zu
widerlegen. Beweisbarkeit ist dem harten Kern der Naturwissenschaften
vorbehalten. Religiöser Glaube füllt keine Lücken im naturwissenschaftlichen
Erkenntnisfortschritt, die Gott zugewiesene Lückenbüßerfunktion erscheint nicht
haltbar, da sein Wirken und der Glaube nicht auf der Ebene innerweltlicher
Ursachen erfasst werden können. Die beiden Schaubilder stützen sich
insbesondere auch auf Stellungnahmen namhafter Naturwissenschaftler (Einstein,
Heisenberg, Hawkings u.a.), in denen die Innenseite der Naturbetrachtung zum
Ausdruck kommt, der ganzheitliche (!) Zugang zur Natur, der nicht auf Mehrung
des Wissensbestandes abzielt. Für die SchülerInnen zweifelsfrei wichtige
Zeugnisse von Menschen, die ihr Lebenswerk der naturwissenschaftlichen
Forschung gewidmet haben und sich zu ihren religiösen Erfahrungen bekennen.
Entscheidend für den RU wie auch die persönliche Glaubensentscheidung ist die
Erkenntnis: Naturwissenschaftliche stehen nicht im Gegensatz zu religiösen
Aussagen. Äußert sich ein Naturwissenschaftler zu Glaubensfragen, so tut er das
nicht aus dem Lichtkegel, dem harten Kern seiner wissenschaftlichen Arbeit heraus, sondern als ein Mensch, der das Gebiet des Tatsachenwissens verlässt. Keine Reduktion auf die normative Kraft naturwissenschaftlicher Faktizität, aber ebenso wenig eine religiös-theologische Deutung ohne empirischen Bezug.

III. |
RU und spirituelle Angebote mit und für Schülerinnen am EV |
| 1. Und dann noch ein bisschen Ruhe – Stille ohne Schlaf |
Wenn die
Gruppe nicht zu groß ist, keine Chance zum Abtauchen in die schützende
Anonymität oder in die Friedlichkeit eines nachzuholenden Schlafbedürfnisses
gegeben ist, kann auszuhaltende, später zu genießende Stille als
Kontrasterfahrung zur Hektik des Schulalltags und der elektronischen
Freizeitüberwachung plötzlich doch etwas bewirken. Ein eigenartige Atmosphäre,
eine ganze Zeit lang passiert einfach nichts. Anfangsempfindungen wie
Peinlichkeit oder Verlegenheit weichen in Nachbetrachtungen allmählich der
Beharrlichkeit des Nicht-Lärms, der sich nicht einstellen wollenden
Veränderung. Trotz der erteilten Erlaubnis, den Raum zu verlassen, macht kaum
ein Schüler Gebrauch davon.
Zugestanden, das lässt sich nicht mit jeder Gruppe machen, bestimmte
Alterstrukturen verbürgen den Boykott. Einige werden das Geschehen nur duldend
über sich ergehen lassen. Aber mit der Oberstufenzeit ergeben sich neue
Chancen. Meditative Musik und dann auch Texte, die von Gott handeln, von
Menschen, die ihn erfahren haben oder auf der Suche nach im sind, werden unter
den ungewöhnlichen Umständen anders als im Klassenraum wahrgenommen. Auch
härter Gesottene, der Spiritualität nicht gerade zugewandte Jugendliche geben
Statements ab, wonach es ihnen im Raum der Stille „eigentlich ganz gut gefallen
hat“. Selbst die Bereitschaft, ein Gebet oder einen eigenständig verfassten
Psalm vorzutragen, ist durchaus gegeben. An diesem Ort scheint es einfacher,
die Rolle des Transzendenzvermittlers zu übernehmen. Innere Stille und spirituelle Erfahrungen sind nicht zu
verordnen, dennoch sollte es entsprechende Gelegenheiten geben.
| 2. RU und Schulprogramm |
Im Laufe der nächsten beiden Jahre soll das Schulprogramm, an dem SchülerInnen,
Eltern und LehrerInnen gemeinsam arbeiten, zum Abschluss gebracht werden.
Dieses Ziel verfolgen auch andere Schulen, deshalb stellt sich die Frage, worin
die Besonderheiten eines solchen Programms am Evangelischen Gymnasium
bestehen. Unsere Schule existiert, weil der Schulträger der Überzeugung ist,
dass eine christliche Glaubens- und Weltsicht in unserer Gesellschaft auch auf
der Ebene schulischen Arbeitens gegenwärtig sein soll. Das neu umrissene
religiöse Leitbild des EV ist bewusst offen formuliert, so dass auch Suchende
und Andersdenkende sich zu Hause fühlen können. Minimalkonsens ist jedoch die
Schnittmenge von grundlegenden christlichen sowie humanitären Wertsetzungen.
Ein wichtiges Element des Leitbildes sind religiöse Aktivitäten wie Gottesdienste und Andachten, zu deren Teilnahme niemand gezwungen werden soll. Andererseits handelt es sich dabei um ein Angebot, das zum Selbstverständnis der Schule gehört, mit dem man sich als Schüler bzw. Schülerin des EV aktiv oder zumindest seine Berechtigung akzeptierend solidarisch erklären kann.
| 1.Jeder Religionskurs der Oberstufe zeichnet sich einmal im Schulhalbjahr verantwortlich für die Gestaltung des „Einstiegs in die Woche“.
2. In Zusammenarbeit mit dem betreffenden Religionslehrer sollen einzelne SchülerInnen des Kurses aus dem Unterricht erwachsende oder individuell als bedeutsam empfundene Themen aufgreifen. Die Vorbereitung kann im Kurs oder außerhalb des Unterrichts erfolgen. 3. Die Gestaltungsformen sind grundsätzlich nicht festgelegt, zu wählendes Musik-, Text- und Bildmaterial ergibt sich aus den unterschiedlichen Interessenlagen und wird bei Bedarf zur Verfügung gestellt. 4. Termine sollen frühzeitig in einer Halbjahresplanung festgelegt und möglichst mit Hinweis auf den thematischen Schwerpunkt bekannt gegeben werden. 5. Alle SchülerInnen der Mittel- und Oberstufe sind herzlich eingeladen. |
| 3. Fazit |