Philosophisches Café

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Selbst denken und argumentieren

Bildunterschrift:

Zum Begriff des philosophischen Cafés
Die philosophische Café-Arbeit wurzelt in der griechischen Antike. Auf dem Marktplatz, der Agora, fanden Gespräche statt. Sokrates pflegte hier die Mäeutik, die „Hebammenkunst“, mit deren Hilfe Erkenntnis und Einsicht durch überzeugendes Argumentieren zum Vorschein gebracht werden sollten. Die sich so einstellende Weisheit fand und findet Freunde, gleichbedeutend mit der Liebe zur Weisheit, zur Philosophie. Diese wiederum stützt sich grundsätzlich auf die Neugier, die Lust, das vertraute Denken zu hinterfragen. Wovon Sokrates träumte, das ist in den letzten Jahren in vielen Städten Frankreichs, Englands, Amerikas, Deutschlands und anderswo Wirklichkeit geworden: das philosophische Café. Es ist zu einer weltumspannenden Idee geworden. Die philosophische Caféarbeit der Neuzeit wurde durch Marc Sautet 1992 in Paris („Phares" am Place de la Batille) begründet. Sein Ziel war es, das philosophische Denken in die Öffentlichkeit bringen, das Universitäten und intellektuellen Kreisen vorbehalten war. Übergeordnete Perspektiven waren Lebensweltbezug und Praxisnähe. Immer schon war das Café ein besonderer Ort: Hier stritten Sozialisten im letzten Jahrhundert um eine bessere Gesellschaft, hier zogen Politiker und Männer der Wirtschaft ihre Fäden, hier strandeten Literaten, Künstler und Philosophen. Die angenehme wie lockere Atmosphäre des Cafés inmitten des Lebensalltags geriet zum unmittelbar verfügbaren Ort, um sich über globale, nationale und private, aber vor allem existenzielle Probleme reflexiv auszutauschen. Bereits 1997 gab es weltweit 300 Cafés; inzwischen ist die Zahl unübersehbar geworden.
Das Café ist ein idealer Ort, um die verbreitetsten und verschiedenartigsten Meinungen dem Urteil der Vernunft zu unterziehen. M. Sautet

Ein philosophisches Café und Philosophieunterricht
Der Philosophieunterricht am evau besitzt eine lange Tradition. Aus einer Arbeitsgemeinschaft hervorgegangen, hat sich das Fach Philosophie inzwischen im Differenzierungsbereich der Mittelstufe und in Grundkursen etabliert. Es wird regelmäßig als Leistungskurs in den Fächerkanon der Oberstufe eingebunden. Das Evangelische Gymnasium gehört damit landesweit zu einer kleineren Gruppe von Schulen mit diesem Angebot. Mit dem PHILOSOPHISCHEN CAFÉ soll das Schülerinteresse mit einem neuen Format gefördert werden, das sich von klassischen Unterrichtssituationen abhebt. Häufig ergeben sich spannende Fragen und Erkenntnisse in bestimmten thematischen Zusammenhängen, die aufgrund der administrativen Vorgaben und zeitlicher Begrenzungen nicht dem sich abzeichnenden Interesse entsprechend vertieft werden können. Hier kann die  Café-Arbeit passende Nischen der Kompensation anbieten. Entgegen einer These von Gotthold Ephraim Lessing, nach der es weniger darauf ankommt, wie wir schreiben, aber viel, wie wir denken, kommt der Verschriftlichung unserer Gedanken gerade im schulischen Kontext eine große Bedeutung zu. Schrift ist Abstraktion, Abstand nehmen vom Offenkundigen. Durch das Aufschreiben können Gedanken in Muße erwogen werden, indem man sich wieder und wieder dieselben Sätze vornimmt, um ihren Sinn zu ergründen (Sanders).  Gerade der philosophische Essay ist eine besonders geeignete Form, das selbstständige Denken, Argumentieren und Urteilen in einer systematischen Form zu entwickeln, und soll deshalb zu einem festen Bestandteil werden. Summa summarum sollten Freiwilligkeit und Freude am Denken die maßgeblichen Motive zu einer Teilnahme am evau-Café darstellen.

Paideia - Philosophische Bildung und Kompetenzorientierung am evau
Das sokratische Eingeständnis des eigenen Nichtwissens Ich weiß, dass ich nichts weiß steht scheinbar im diametralen Gegensatz zu den curricular und in zentralisierten Prüfungen eingeforderten Kompetenzen. Zweifelsohne ist die didaktische Antizipation von Fähigkeiten im Umgang mit philosophischen Gegenständen, Methoden und Bewertungssituationen, die Schülerinnen und Schüler erwerben sollen, nicht prinzipiell negativ zu sehen. Mit Blick auf die Paideia, die philosophische Bildung, ergeben sich jedoch Anfragen. Bildung ist selbst ein philosophischer Begriff und beinhaltet folglich Zielperspektiven wie einen selbstständig zu bewertenden, ganzheitlichen Erkenntnisgewinn in der Konfrontation mit anthropologischen, historischen, die Natur betreffenden und ethischen Fragen. Entscheidend sind dabei Selbstbildung und Eigenverantwortung, die nicht ausschließlich durch Nutzenorientierung und eine Logik der Verwertbarkeit gedeihen können. Im Gegensatz zu Inhalten lässt sich Bildung nicht in ein operationalisierendes System zwängen und bedarf deshalb eines vom Individuum zu steuernden dynamischen Prozesses. Aus diesen Gründen ist die Arbeit im Café auf den Einzelnen bezogen ergebnisoffen, wenngleich keinesfalls beliebig.
Das PHILOSOPHISCHE CAFÉ harmoniert insbesondere mit der zweiten Dimension des Leitbildes des Evangelischen Gymnasiums, präziser mit den anthropologischen Grundfragen, dem ethischen Grundkonsens wie auch den Leitzielen. Als handlungsbezogene Konkretisierung der theologischen bzw. religiösen Letztbegründung des schulischen Selbstverständnisses richtet sich diese Ebene auf die Gemeinschaft. Offenheit und Toleranz im Umgang mit Andersdenkenden und Meinungsvielfalt werden maßgeblich durch Dialog- und Argumentationsfähigkeit in einem ganzheitlichen, bildenden Sinn unterstützt. Ebenso unterstützt wird das Ansinnen des Leistungskonzepts, außerunterrichtliche Leistungen zu würdigen und alternierende Lernorte zu nutzen. Nicht zuletzt handelt es sich um eine Art Projekt, das sich in der praktischen Umsetzung bewähren muss. Philosophische Bildung sucht nicht den berühmten Elfenbeinturm, in dem eine Gruppe von Eingeweihten über verkopfte Fragestellungen debattiert. Vielmehr ist sie eine reflexive Vorstufe zur Lebensbewältigung und unterstützt Schülerinnen und Schüler in der Analyse von Lebensbedingungen und der Entscheidung für ein entsprechendes Engagement im Gemeinwesen wie z.B. ihrer Schule.

Selbst denken
Es kann sich überhaupt keiner einen Philosophen nennen, der nicht philosophieren kann. Philosophieren lässt sich aber nur durch Übung und selbsteigenen Gebrauch der Vernunft lernen. … Der wahre Philosoph muß also als Selbstdenker einen freien und selbsteigenen, keinen sklavisch nachahmenden Gebrauch von seiner Vernunft machen. Immanuel Kant

Man kann sich mit philosophischen Texten um ihrer selbst willen beschäftigen, d.h. wir wollen sie verstehen. Man kann aber auch aus ihnen lernen. Einerseits geht es um Bedeutung, andererseits um Wahrheit. Eigenständiges Philosophieren entsteht aus der erfolgreichen Synthese. Das Selbstdenken kommt aber nur in Gang, wenn der Einzelne auf seine eigenen Erfahrungen, seine Kreativität und Spontaneität zurückgreifen kann. Die eigenständige Denk- und Urteilsfähigkeit bildet sich dadurch aus, dass das individuelle Deutungsmuster der Wirklichkeit auf den Prüfstand gestellt wird. Als den Horizont erweiternde Reibungsflächen eignen sich die großen Denker der philosophischen Tradition und das Gespräch. Erstrebenswert ist nicht ein unvermittelter Meinungsaustausch oder die selbstgewisse Präsentation subjektiver Überzeugungen nach dem Motto: Was ich schon immer einmal sagen wollte. Notwendig ist das Interesse an den Sichtweisen derer, die sich in einer besonderen Weise in der Philosophie qualifiziert haben, aber auch der Gesprächspartner in der konkreten Situation. Die Akzeptanz der fremden Denkweise ist anzustreben, bis hin zur Bereitschaft, zunächst Uneinsichtiges oder der persönlichen Überzeugung Widersprechendes wohlwollend zu prüfen.
Die Wege, um das Selbstdenken zu erlernen, sind unterschiedlich. Hans Blumenberg fand in einer Vorlesung zu dem an das sokratische Gespräch erinnernde Statement: Philosophieren lernt man, indem man jemandem zuhört, der es kann. Zugestanden, eine didaktisch zunächst eindimensional und mit aktuellen Lerntheorien nicht unbedingt kompatible Position. Dennoch sollen die Treffen im Café u.a. auch diese Erfahrung vermitteln, indem Lehrer und Lehrerinnen wie auch externe Experten philosophische Gedanken einbringen und in einen Diskurs eintreten. Reizvoll sind dabei auch fächerverbindende Zusammenkünfte mit Vertretern der betroffenen Disziplinen. Deshalb sind auch nicht nur die Philosophielehrer herzlich willkommen. Alternativ bieten sich Praktiken an, die sich als individuelle Handlungsmaximen quasi selbstregulierend in das eigene Denken integrieren lassen. Als Begleitlektüre ist diesbezüglich das Buch Selbstdenken von Jens Soentgen zu empfehlen, das zwanzig solcher Praktiken wie z.B. Provozieren, Autoritäten prüfen, Präzisieren und Definieren, Gedankenexperimente, Warten u.a.m., ausweist und in anschaulicher Weise über eine Vielzahl von Beispielen zugänglich macht.

Selbst argumentieren
Wenn es darum geht, selbstständig ein philosophisches Problem zu lösen, gilt es, dieses zu analysieren und selbst Argumente zu entwickeln, die zu einer Lösung beitragen. Argumente sind Begründungen für Aussagen, die wir machen, allerdings nicht für deren Wahrheit. Argumente stehen immer in Zusammenhängen und sind deshalb Begründungen für das Führwahrhalten einer Aussage. Philosophische Begründungen haben den Anspruch, vernünftig, plausibel und triftig zu sein. Nicht-philosophische Begründungen von Behauptungen stützen sich auf Vermutungen, Überreden, unhinterfragte Autoritäten, vermeintlichen Wissensvorsprung, Drohungen, Lügen, Dogmatismus, Bloßstellung, Mobbing, Drohungen oder unterschiedliche Formen der Gewaltanwendung. Dabei handelt es sich auch um Gründe oder Ursachen, die jedoch einer rationalen und philosophischen Prüfung nicht genügen können. Ein philosophisches Argument antwortet auf die Frage nach dem Warum. Behauptungen und subjektive Auffassungen müssen so begründet werden, dass sie von anderen überprüft und kritisiert werden können. Nur für die Dummheit gibt es kein Warum. (D. Schönecker). Man kann, muss aber nicht in die formale Logik einsteigen, um ein Argument zu analysieren. Es enthält drei Aussagen, die miteinander verknüpft werden. Zwei, die eine Begründung geben, heißen Prämissen. Die zu begründende Aussage heißt Konklusion oder Schlusssatz. Hilfreich für den Aufbau oder die Bewertung von Argumenten ist das Wort also, das die Folgerung, die Konklusion, erkennbar macht. Weitere Schlüsselbegriffe sind deshalb, daraus folgt, infolgedessen oder das lateinische ergo. Mit ihrer Hilfe lässt sich überprüfen, ob in einem Gespräch wirklich Argumente verwendet werden und was die Aussageabsicht der Konklusion ist. Auf Prämissen verweisen Wörter wie weil, denn, da, insofern als, aus dem Grunde. Argumente haben nur eine Konklusion, während die Anzahl der Prämissen unterschiedlich sein kann. Diese elementaren Aspekte der Argumentationslehre sollen in den Café-Gesprächen als Orientierungshilfe und Vergewisserungsinstrumente Berücksichtigung finden. - Aber, nur Mut! Oft hilft auch der gesunde Menschenverstand, um die Tragfähigkeit von formulierten Argumenten zu durchschauen. Und noch wesentlicher ist die erwähnte Freude am philosophischen Denken.

Rahmenbedingungen - Regeln

  • Gesprächsregeln: Jeder darf ausreden, die Beiträge müssen auf Freiwilligkeit beruhen
  • bei philosophischen Streitgesprächen sollte klar sein, dass persönliche Verletzungen ausgeschlossen werden, dass der „Streit" sein spielerisches Element bewahren muss, dass Anschaulichkeit und Beispielhaftigkeit angestrebt werden sollten
  • die eigenen Gedanken sollen ausgesprochen oder aufgeschrieben werden
  • das Café bietet keinen Philosophenstammtisch, sondern eine Chance des Selberdenkens und der Überwindung einer Kultur des Schweigens
  • an die Stelle des „rasenden Denkens" treten Entschleunigung und die denkende Langsamkeit
  • der besondere Charakter philosophischen gegenüber theologisch-religiösen und politischen Argumentierens ist zu beachten; die Grenzen sind zwar fließend, aber die Argumentationsweisen sind doch unterschiedlich
  • es werden „Argumente", nicht „Meinungen" ausgetauscht; durch „Argumente" können „Meinungen" sich ändern
  • zu gemeinsamem Philosophieren ungeeignete Themen und Impulse müssen verdeutlicht und evtl. ausgeschieden werden, allerdings nicht ohne Begründung
  • Teilnehmerkreis: Schüler und Schülerinnen, Kollegen und Kolleginnen, Ehemalige, philosophisch Interessierte
  • Rhythmisierung: zunächst 4  Cafés pro Schuljahr
  • Autorencafé - Einladung von Experten, Referenten, Impulsgebern (Philosophen, Naturwissenschaftler); Vorstellen von aktuellen philosophischen Werken
  • Essays
  • vorbereitende Lektüre von philosophischen Texten nach Absprache
  • Wechsel zwischen Gesprächen in einer Kleingruppe und Plenum
  • der Moderator verwaltet das Rederecht und verantwortet den Gesprächsverlauf über Impulse, Interventionen, Zusammenfassungen und das Aufgreifen von Anregungen und Wünschen

Themenwahl
Das Selbstdenken entzündet sich an existenziellen Grundfragen in Auseinandersetzung mit Lebenswelt und philosophischer Tradition, z.B.

  • Warum darf ich Steuersünder nicht verraten? – Darf der Staat illegale Daten strafrechtlich nutzen?
  • Brauchen wir universale Werte?
  • Gastfreundschaft als Konsequenz des Weltbürgertums?
  • Kann Wissenschaft denken? – Welchen Einfluss nimmt die Hirnforschung auf die Bildung?
  • Soll der Mensch alles können und darf er alles, was kann?
  • Ist alles, was erlaubt ist, auch moralisch wünschenswert?
  • In welchem Verhältnis stehen Wissen, Glauben und Sinn?
  • Welche Bedeutung haben die aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse für das Menschsein? – Quantenphilosophie.

Ludwig Janknecht